Unerwartete Kehrtwende
Was dann geschah, machte diesen Fall zu einem der außergewöhnlichsten in der Geschichte der Cyberkriminalität. Bereits innerhalb von zwei Tagen – bis zum 13. August 2021 – hatte der Hacker 342 Millionen Dollar des gestohlenen Betrags zurückgegeben.
Die restlichen 268 Millionen Dollar waren jedoch in einer sogenannten Multi-Signatur-Wallet gesperrt. Diese digitale Brieftasche erforderte Zugangscodes sowohl von Poly Network als auch vom Hacker selbst. Ohne die Mitarbeit des Hackers konnte Poly Network nicht auf diese Gelder zugreifen.
Belohnung und Jobangebot ausgeschlagen
Um den Hacker zur Rückgabe der verbleibenden Summe zu bewegen, machte Poly Network ein ungewöhnliches Angebot: Eine Bug Bounty in Höhe von 500.000 Dollar sowie eine Position als Chief Security Advisor. Beide Angebote lehnte der Hacker jedoch ab.
Trotz der Ablehnung setzte sich die Rückgabe fort. Am 18. August 2021 waren praktisch alle Gelder – mit Ausnahme von etwa 33 Millionen Dollar in Tether USDT-Tokens – an Poly Network zurückgegeben worden.
Tether friert Tokens ein
Die 33 Millionen Dollar in USDT-Tokens wurden nie zurückgegeben. Tether Limited, das Unternehmen hinter der Kryptowährung, hatte diese Tokens in ihrem Blockchain-System eingefroren und damit unbrauchbar gemacht – eine der wenigen Möglichkeiten, bei Kryptowährungen einzugreifen.
Rätselhafte Motive
Der Hacker selbst kommentierte seine Beweggründe in Nachrichten, die er auf der Blockchain hinterließ. Er bezeichnete den Angriff als "White Experiment" – ein Experiment, um Sicherheitslücken aufzudecken und damit die Gelder vor anderen potenziellen Hackern zu schützen. Der Hacker behauptete zudem, er habe das Ganze "nur zum Spaß" gemacht.
Am Ende des Prozesses teilte der Hacker den privaten Schlüssel zur Multi-Signatur-Wallet über eine Blockchain-Nachricht. Damit ermöglichte er Poly Network den Zugriff auf die restlichen Vermögenswerte.
Identität bleibt ungeklärt
Trotz des spektakulären Vorfalls wurde die Identität des Hackers nie öffentlich bekannt. Es kam auch zu keinen Verhaftungen oder Gerichtsverfahren im Zusammenhang mit dem Fall.
Der Poly-Network-Hack gilt bis heute als einer der bemerkenswertesten Fälle von Cyberkriminalität im Kryptowährungsbereich – vor allem, weil fast alle gestohlenen Gelder zurückgegeben wurden. Die wahren Motive und Umstände der Rückgabe bleiben jedoch rätselhaft.
Ob es sich tatsächlich um einen gutmütigen "White Hat Hacker" handelte, der auf Sicherheitslücken aufmerksam machen wollte, oder ob andere Gründe – etwa die Angst vor Strafverfolgung oder die Unmöglichkeit, das Geld zu waschen – zur Rückgabe führten, konnte nie abschließend geklärt werden.