In der dänischen Variante beantragten Shah und sein Netzwerk die Erstattung von Dividendensteuer, die dem dänischen Staat tatsächlich nie gezahlt worden war. Die Konstruktion funktionierte so, dass Aktien in einer solchen Geschwindigkeit und Komplexität verliehen und gehandelt wurden, dass SKAT nicht erkennen konnte, dass derselbe Aktienbestand die Grundlage für mehrere gleichzeitige Erstattungsanträge bildete. Jedes Glied in der Kette – Banken, Aktienmakler, Pensionskassen und Briefkastengesellschaften – kassierte einen Teil des unrechtmäßigen Gewinns.
Solo Capital und das dahinterstehende Netzwerk
Shahs finanzielles Vehikel war der in London gegründete Hedgefonds Solo Capital Partners. Über Solo Capital koordinierte er Hunderte von Transaktionen, die Aktien großer dänischer börsennotierter Unternehmen betrafen, vorwiegend im Zeitraum 2012 bis 2015. Das Netzwerk erstreckte sich über Länder wie Großbritannien, die USA, Malaysia, Luxemburg und die Vereinigten Arabischen Emirate.
SKAT erhielt in diesem Zeitraum Erstattungsanträge von ausländischen Pensionskassen und Finanzinstituten in Höhe von insgesamt rund 12,7 Milliarden Kronen. Ein Großteil dieser Gelder wurde ausgezahlt, bevor die Behörden das Muster erkannten. Der endgültige Schaden für den dänischen Staat wird auf mindestens 9 Milliarden Kronen beziffert, obwohl einige Schätzungen noch höher liegen.
Shah selbst soll an dem Betrug persönlich rund 1,5–2 Milliarden Kronen verdient haben und führte jahrelang ein extravagantes Leben in Dubai – mit Luxusvilla, Privathelikopter und der Ausrichtung von Wohltätigkeitsgalas mit Staraufgebot, darunter Auftritte von Lionel Richie und Lenny Kravitz, die laut Anklage teilweise mit gestohlenen Steuergeldern finanziert wurden.
Ermittlungen und Auslieferung aus Dubai
Die dänische Polizei und Staatsanwaltschaft leiteten 2015 Ermittlungen ein, als SKAT das Ausmaß des Betrugs langsam zu begreifen begann. Shah hatte zu diesem Zeitpunkt bereits seinen dauerhaften Wohnsitz in Dubai, wo er viele Jahre lang vom Fehlen eines Auslieferungsabkommens zwischen dem Emirat und Dänemark profitierte.
Im Jahr 2020 stellte der dänische Staat einen offiziellen Auslieferungsantrag. Die VAE lehnten zunächst ab, doch der diplomatische Druck hielt an. Im Oktober 2023 wurde Shah überraschend in Dubai festgenommen und anschließend an die dänischen Behörden ausgeliefert – ein Ereignis, das als Durchbruch in einem Fall gewertet wurde, bei dem viele Experten befürchtet hatten, er werde niemals vor Gericht kommen.
Shah traf im November 2023 in Dänemark ein und wurde in Untersuchungshaft genommen. Der Prozess begann beim Retten i Glostrup im Frühjahr 2024.
Das Urteil von 2024
Im August 2024 fällte das Retten i Glostrup sein Urteil in dem Fall. Sanjay Shah wurde des besonders schweren Betrugs für schuldig befunden und zu 12 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gericht stellte fest, dass er der zentrale Architekt des Betrugs war und die Schwachstellen des dänischen Steuersystems vorsätzlich und mit Kalkül ausgenutzt hatte.
Der Fall war aus mehreren Gründen bemerkenswert: Es war das erste Mal, dass einer der Hauptakteure des Cum-Ex-Betrugs international strafrechtlich verfolgt und mit einer Strafe dieser Größenordnung verurteilt wurde. Parallele Verfahren gegen andere Beteiligte desselben Netzwerks laufen in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden.
Shah legte Berufung gegen das Urteil ein. Sein Verteidiger argumentierte während des gesamten Verfahrens, die Transaktionen seien rechtlich zulässig gewesen und Shah habe lediglich Regeln ausgenutzt, die der dänische Staat selbst unscharf formuliert habe.
SKATs Zusammenbruch und die Folgen
Der Cum-Ex-Skandal war mitverantwortlich für die vollständige Umstrukturierung der dänischen Steuerverwaltung. Eine unabhängige Untersuchung, der sogenannte Saxo-Bericht sowie die Prüfung des Rigsrevisionen, wiesen auf systemische Fehler, unzureichende Kontrollen und mangelnde IT-Unterstützung als Erklärungen dafür hin, dass der Betrug jahrelang unentdeckt betrieben werden konnte.
Mehrere Beamte und leitende Angestellte bei SKAT haben im Zuge des Falls Kritik erhalten, und politisch hat der Fall zu milliardenhohen Investitionen in die Kontrollsysteme der Steuerbehörden geführt.
Mit Shahs Verurteilung ist das juristische Kapitel dieses Teils des Falls abgeschlossen – die vollständige Rückforderung der gestohlenen Gelder läuft jedoch weiterhin über Zivilklagen in mehreren Ländern.