Der alte Getty hatte 14 Enkelkinder – und fürchtete offenbar mehr um sein Vermögen als um das Leben seines Enkels.
Gefangen in den Bergen Kalabriens
Während in der Öffentlichkeit über das Lösegeld verhandelt wurde, durchlebte John Paul Getty III einen Albtraum. Die 'Ndrangheta hielt ihn in einer abgelegenen Höhle im bergigen Kalabrien gefangen, der Heimatregion dieser besonders brutalen Mafia-Organisation im Süden Italiens.
Monat für Monat verging. Der Teenager wurde systematisch misshandelt und gefoltert. Die Entführer verloren zunehmend die Geduld – und griffen zu einer Maßnahme, die selbst in der Welt des organisierten Verbrechens als extrem gilt.
Das abgetrennte Ohr als Beweis
Im November 1973, nach vier Monaten erfolgloser Verhandlungen, schickten die Kidnapper eine grausame Botschaft: Sie schnitten John Paul Getty III das rechte Ohr ab und sandten es zusammen mit einer Haarsträhne an eine römische Zeitung.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Die Brutalität der Tat schockierte die Weltöffentlichkeit – und bewegte schließlich auch den steinernen Großvater zum Handeln.
Die zynische Lösung
J. Paul Getty Sr. lenkte ein, allerdings auf seine ganz eigene Art: Die Lösegeldsumme wurde auf 2,2 Millionen Dollar herunterverhandelt. Doch selbst jetzt zeigte der Milliardär sein wahres Gesicht.
Er zahlte nur den Betrag, den er steuerlich absetzen konnte – etwa 2 Millionen Dollar. Den Rest musste sein eigener Sohn, John Paul Getty Jr., der Vater des Entführten, von seinem Vater leihen. Und Getty Sr. verlangte dafür vier Prozent Zinsen.
Am 15. Dezember 1973, nach fast fünf Monaten Gefangenschaft, wurde John Paul Getty III schließlich freigelassen. Er war traumatisiert, körperlich geschwächt und für immer gezeichnet – nicht nur durch das fehlende Ohr.
Justiz ohne Gerechtigkeit
Neun Personen wurden im Zusammenhang mit der Kidnapping verhaftet, darunter hochrangige 'Ndrangheta-Mitglieder wie Girolamo Piromalli und Saverio Mammoliti. Doch das italienische Rechtssystem versagte auf ganzer Linie.
Nur zwei der neun Angeklagten wurden tatsächlich zu Gefängnisstrafen verurteilt. Die übrigen, einschließlich der Mafia-Bosse, wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Der größte Teil des Lösegelds wurde niemals wiedergefunden – und verschwand vermutlich in den Kassen der 'Ndrangheta.
Ein Leben im Schatten der Entführung
1977 unterzog sich John Paul Getty III einer plastischen Operation, um sein abgetrenntes Ohr rekonstruieren zu lassen. Doch die psychischen Narben blieben.
Der junge Mann, der als Teenager eine der brutalsten Entführungen der Geschichte überlebt hatte, kämpfte sein restliches Leben mit den Folgen. 1981 erlitt er einen schweren Schlaganfall nach einer Überdosis, der ihn teilweise lähmte und blind machte. Er starb 2011 im Alter von 54 Jahren.
Die Geschichte der Getty-Entführung wurde 2018 in der TV-Serie "Trust" verfilmt und bleibt ein düsteres Beispiel dafür, dass selbst unermesslicher Reichtum weder Sicherheit noch Gerechtigkeit kaufen kann. Sie zeigt auch, wie familiäre Kälte manchmal brutaler sein kann als die Gewalt von Kriminellen.