Doch der steinreiche Großvater weigerte sich zunächst kategorisch zu zahlen. J. Paul Getty, bekannt für seinen Geiz, befürchtete, dass eine Zahlung weitere Entführungen seiner 14 Enkelkinder nach sich ziehen würde. Die Kidnapper sahen sich gezwungen, den Ernst der Lage zu demonstrieren.
Das abgetrennte Ohr als Druckmittel
Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, griffen die Entführer zu einer grausamen Methode: Sie schnitten Getty das rechte Ohr ab und schickten es zusammen mit einem Foto und einer Haarsträhne an eine italienische Zeitung.
Diese drastische Maßnahme zeigte Wirkung. Der Großvater gab schließlich nach – wenn auch nur teilweise. Er zahlte 2,2 Millionen Dollar, den Maximalbetrag, der steuerlich absetzbar war. Den Rest lieh er seinem Sohn zu vier Prozent Zinsen.
Freilassung nach fünf Monaten Gefangenschaft
Nach fünf Monaten in Gefangenschaft wurde John Paul Getty III im Dezember 1973 freigelassen. Er wurde an einer Tankstelle in Süditalien ausgesetzt und konnte seine Familie benachrichtigen.
Die körperlichen und psychischen Folgen der Entführung begleiteten ihn sein Leben lang. 1977 ließ er das Ohr plastisch rekonstruieren. Jahre später erlitt er einen Schlaganfall, der ihn bis zu seinem Tod 2011 an den Rollstuhl fesselte und ihm die Sprache raubte.
Die Strafverfolgung: Machtdemonstration der 'Ndrangheta
Neun Personen wurden im Zusammenhang mit der Entführung verhaftet, darunter hochrangige 'Ndrangheta-Mitglieder wie Girolamo Piromalli und Saverio Mammoliti. Der Prozess offenbarte jedoch die Macht der kalabrischen Mafia.
Lediglich zwei der neun Angeklagten wurden zu Haftstrafen verurteilt. Die übrigen sieben, darunter mehrere einflussreiche 'Ndrangheta-Bosse, wurden aus Mangel an Beweisen freigesprochen – ein Urteil, das die Verstrickungen zwischen organisierter Kriminalität und italienischer Justiz in den 1970er Jahren widerspiegelte.
Der Großteil des Lösegelds wurde niemals wiedergefunden und verschwand in den Kanälen der 'Ndrangheta.
Das Vermächtnis eines brutalen Verbrechens
Der Fall Getty illustriert eindrücklich die Brutalität und Macht der 'Ndrangheta in den 1970er Jahren. Die Organisation operierte ohne Furcht vor Konsequenzen und demonstrierte ihre Bereitschaft zu extremer Gewalt.
Die Geschichte wurde mehrfach verfilmt, unter anderem 2017 in Ridley Scotts Film "Alles Geld der Welt" und in der HBO-Serie "Trust". Sie bleibt bis heute eines der bekanntesten Entführungsfälle der Nachkriegszeit und ein Symbol für die Skrupellosigkeit der organisierten Kriminalität.