Der Tathergang
Die Morde ereigneten sich zwischen 19 und 22 Uhr am Abend des 31. März. Nach Rekonstruktion der Ermittler wurden zunächst Andreas Gruber, seine Frau Cäzilia, Tochter Viktoria und Enkelin Cäzilia in der Scheune erschlagen, als sie sich dort aufhielten. Anschließend begab sich der oder die Täter ins Wohnhaus und töteten dort den kleinen Josef in seinem Bettchen sowie die Magd Maria Baumgartner.
Besonders grausam: Die Leichen wurden erst am 4. April 1922 entdeckt – drei Tage nach der Tat. In dieser Zeit muss der Mörder auf dem Hof geblieben sein, denn es gab Hinweise darauf, dass jemand die Tiere versorgt, im Haus gegessen und sogar Rauch aus dem Schornstein aufgestiegen war.
Die Ermittlungen der Münchner Polizei
Die Münchner Kriminalpolizei übernahm den Mordfall und führte in den folgenden Jahren über 100 Ermittlungsverfahren durch. Mehr als 100 Personen wurden verhört, zahlreiche Spuren verfolgt – ohne Erfolg.
Im August 1922 nahm die Polizei zwei Verdächtige fest: den 31-jährigen Arbeiter Andreas Schreyer und seinen 23-jährigen Bruder Karl Schreyer. Beide wurden jedoch mangels ausreichender Beweise wieder freigelassen. Die Indizien reichten für eine Anklage nicht aus.
Mysteriöse Vorkommnisse vor der Tat
Besonders rätselhaft: Andreas Gruber hatte in den Tagen vor dem Mord mehrfach von seltsamen Beobachtungen berichtet. Er hatte Fußspuren im Schnee entdeckt, die vom Waldrand zum Hof führten, aber nicht wieder zurück. Auch hörte er nachts Geräusche auf dem Dachboden und vermisste einen Schlüssel.
Die vorherige Magd hatte den Hof sechs Monate zuvor überstürzt verlassen, weil sie ihn für "spukhaft" hielt. Maria Baumgartner, die neue Magd, wurde bereits am Tag ihres Dienstantritts Opfer des Massenmord.
Das Tatwerkzeug wird gefunden
Erst bei der Demontage des Hofes im Jahr 1923 wurde die mutmaßliche Tatwaffe gefunden: eine Reuthaue, die im Scheunendachboden versteckt lag. Doch auch dieser Fund brachte die Ermittlungen nicht voran. Fingerabdrücke konnten damals noch nicht systematisch ausgewertet werden.
Theorien und Verdächtige
Über die Jahre entwickelten sich zahlreiche Theorien:
- **Familiärer Konflikt**: Viktoria Gabriel hatte eine außereheliche Beziehung, ihr früherer Liebhaber könnte der Täter gewesen sein
- **Raubmord**: Obwohl nichts gestohlen wurde, könnte ein Raubmotiv bestanden haben
- **Rache**: Andreas Gruber hatte im Dorf Feinde wegen seiner streitsüchtigen Art
- **Inzest-Vertuschung**: Es gab Gerüchte über ein inzestuöses Verhältnis zwischen Andreas Gruber und seiner Tochter Viktoria
Keiner dieser Ansätze führte jedoch zu einer Aufklärung.
Ein Jahrhundert ohne Antworten
Die offiziellen Ermittlungen wurden 1930 eingestellt. Bis heute ist der Fall ungelöst. Der Einödhof Hinterkaifeck wurde 1923 abgerissen, die sterblichen Überreste der Opfer wurden auf dem Friedhof in Waidhofen beigesetzt – ihre Schädel allerdings zuvor für forensische Untersuchungen entnommen und später verschollen.
Der Sechsfachmord von Hinterkaifeck bleibt einer der berühmtesten ungeklärten Kriminalfälle der deutschen Geschichte. Die Frage nach dem Täter und seinem Motiv wird wohl für immer unbeantwortet bleiben – ein düsteres Kapitel, das auch nach über 100 Jahren nichts von seiner unheimlichen Faszination verloren hat.