Die beiden parallelen Pipelines lagen auf dem Meeresgrund in einer Entfernung von etwa 80 bis 100 Kilometern von der dänischen Küste, in einer Tiefe von ungefähr 70 bis 90 Metern. Jede Pipeline war rund 1.220 Kilometer lang und transportierte jährlich Milliarden Kubikmeter Erdgas.
Der Sabotageakt vom 26. September 2022
Am 26. September 2022 wurden mindestens vier heftige Explosionen an den Nord-Stream-Pipelines registriert. Das schwedische seismische Institut (USGS) verzeichnete seismische Aktivität, die stark genug war, um auf der Richterskala gemessen zu werden. Die Explosionen trafen sowohl Nord Stream 1 als auch Nord Stream 2 an verschiedenen Stellen.
Die zeitliche Verteilung der Sprengungen über den Tag legt eine geplante Koordinierung nahe. Die drei größten Explosionen betrafen die Rohrsegmente zwischen Schweden und Dänemark sowie im Bereich der dänischen und deutschen Wirtschaftszone.
Dänemark, Deutschland, Schweden und internationale Organisationen reagierten sofort. Das Gebiet wurde in Bezug auf die Energieinfrastruktur als Kriegszone eingestuft. Die EU-Kommission und die NATO teilten mit, dass ein starker Verdacht auf „Sabotage von sehr ernstem Ausmaß" bestehe.
Ermittlungen und Theorien
Dänische, schwedische, deutsche und norwegische Behörden eröffneten parallele Ermittlungen. Dänische Ermittler konzentrierten sich auf das Seegebiet rund um die Explosionen.
Zahlreiche Theorien kursierten international:
USA und NATO-Verbindungen: Einige amerikanische und europäische Quellen spekulierten über eine Beteiligung amerikanischer Operationen, angesichts geopolitischer Interessen daran, Europa von russischem Gas zu lösen. Der amerikanische Präsident Biden hatte zuvor damit gedroht, Nord Stream 2 „ein Ende zu setzen".
Russland: Ukrainische und westliche Ermittlungen richteten den Fokus auf russische Militärkapazitäten und Motive – Europa zu destabilisieren oder die Pipelines selbst zu zerstören, bevor die Kontrolle darüber verloren ginge. Russland bestritt jede Beteiligung.
Ukrainische Verbindung: Einige Quellen wiesen auf ein ukrainisches Interesse hin, den russischen Energieeinfluss auf Europa zu blockieren.
Nicht identifizierte Akteure: Ermittler hielten sich offen, was den Umfang der Operation betrifft – möglicherweise waren mehrere Länder oder nichtstaatliche Akteure beteiligt.
Der dänische Geheimdienst PET und der deutsche BND arbeiteten mit den schwedischen und norwegischen Sicherheitsdiensten zusammen. Keine Gruppe und kein Staat wurde offiziell rechtlich angeklagt, und der Fall blieb unter Ermittlung, ohne dass eine öffentlich bestätigte Lösung vorlag.
Geopolitischer Kontext
Der Sabotageakt ereignete sich neun Monate nach Russlands Invasion der Ukraine im Februar 2022. Im September war Energie zur Waffe geworden – Russland drosselte die Gaslieferungen nach Europa als Reaktion auf westliche Sanktionen, was auf dem Kontinent eine Energiekrise auslöste.
Nord Stream war in den Mittelpunkt der Debatte über europäische Energieunabhängigkeit gerückt. Deutschland war auf russisches Gas angewiesen – Nord Stream lieferte vor der Krise rund 35 Prozent der deutschen Gasimporte.
Die Sprengung beseitigte die Möglichkeit eines künftigen Gasflusses über Nord Stream und legte damit Europas Kurs weg von russischer Energie fest – in gewisser Hinsicht unwiderruflich.
Folgen
Die EU beschleunigte ihre Pläne zur Energieunabhängigkeit von Russland. Deutschland, Europas größte Volkswirtschaft, stellte massiv auf Alternativen um: Biogas, LNG (Flüssigerdgas) aus den USA und anderen Quellen sowie erneuerbare Energien.
Dänemarks Rolle als Standort eines Teils der Infrastruktur machte das Land zu einem wichtigen Akteur in den Ermittlungen. Untersuchungskommissionen wurden eingesetzt.
Die Sicherheit kritischer Infrastruktur wurde europaweit massiv gestärkt. Kritische Energieinfrastruktur wurde als vorrangiges Verteidigungsziel eingestuft.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind Nord Stream 1 und 2 nicht repariert. Die Rohrsegmente liegen weiterhin beschädigt auf dem Meeresgrund.
Stand der Dinge
Der Fall gilt als ungeklärter Sabotage- und Terrorakt, der weiterhin Gegenstand internationaler Ermittlungen ist. Kein Staat und keine Gruppe hat die Sabotage gestanden oder wurde dafür rechtskräftig verurteilt. Die Ermittlungen zählen zu den bedeutendsten Untersuchungen zur Energiesicherheit in der europäischen Nachkriegsgeschichte.