Dänemark folgte zwei Tage später. Die dänische Polizei und der Inlandsgeheimdienst PET (Politiets Efterretningstjeneste) hatten parallel ermittelt, kamen aber ebenfalls zu keinem Ergebnis. Am 6. Februar 2024 wurde der Fall 2022-426536 eingestellt, da kein ausreichender Verdacht gegen identifizierte Personen bestand.
Nur Deutschland führt die Ermittlungen fort. Die Bundesanwaltschaft (GBA) in Karlsruhe übernahm den Fall unter dem Aktenzeichen 85 AR 2934/22-1 und stufte ihn als Staatssicherheitssache ein. Die deutschen Ermittler kamen zu einem überraschenden Ergebnis: Sie identifizierten eine pro-ukrainische Gruppe als Hauptverdächtige.
Die Spur zur Yacht "Andromeda"
Im August 2024 veröffentlichte die Bundesanwaltschaft entscheidende Details. Ermittler hatten die Yacht "Andromeda" identifiziert, die im September 2022 in Rostock gemietet worden war. An Bord sollen sich sechs bis zehn Personen befunden haben — überwiegend ukrainische Staatsbürger und ein Russe. Forensische Untersuchungen der Yacht ergaben Sprengstoffrückstände vom Typ HMX, einem militärischen Hochleistungssprengstoff.
Die Operation wurde offenbar privat finanziert, die Kosten werden auf etwa 300.000 Euro geschätzt. Im Juni 2024 erließ die Bundesanwaltschaft einen internationalen Haftbefehl gegen Volodymyr Z., einen ukrainischen Staatsbürger, geboren 1992. Zwei weitere Verdächtige wurden identifiziert: Wojciech K. und J.S., beide polnische Staatsbürger. Keiner von ihnen konnte bisher festgenommen werden.
Die ukrainischen Behörden kooperieren nach deutschen Angaben nicht vollständig mit den Ermittlungen. Die Bundesregierung betont, dass keine Hinweise auf staatliche ukrainische Beteiligung vorliegen — die Gruppe habe eigenständig gehandelt. Diese Darstellung bleibt umstritten.
Konkurrierende Theorien und geopolitische Spannungen
Neben der deutschen Ermittlungslinie kursieren weitere Theorien. Der amerikanische Journalist Seymour Hersh veröffentlichte im Februar 2023 einen Artikel, in dem er behauptete, die USA hätten die Pipelines im Auftrag von Präsident Joe Biden gesprengt. Die US-Regierung wies dies als "Fiktion" zurück. Das Weiße Haus erklärte am 8. Februar 2023, Hershs Behauptungen seien "völlig falsch".
Russische Offizielle beschuldigten wiederholt westliche Staaten, insbesondere Großbritannien und die USA. Der NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg bezeichnete die Explosionen am 29. September 2022 als "wahrscheinlich russisch motiviert", ohne konkrete Beweise vorzulegen. Die EU-Kommission sprach vorsichtig von "Sabotage durch unbekannte Akteure".
Die hybride Kriegsführung des 21. Jahrhunderts erschwert die Aufklärung erheblich. Staatliche Akteure nutzen verdeckte Operationen, Private Militärfirmen und Stellvertretergruppen, um Angriffe durchzuführen, ohne direkt verantwortlich gemacht werden zu können. Der Nord Stream-Fall zeigt exemplarisch, wie schwer rechtsstaatliche Ermittlungen unter solchen Bedingungen sind.
Der Stand im Mai 2026
Fast vier Jahre nach den Explosionen bleibt der Fall ungelöst. Die deutschen Ermittlungen laufen weiter, ein Urteil gibt es nicht. Volodymyr Z. ist untergetaucht, die Ukraine liefert ihn nicht aus. Die beschädigten Pipelines liegen weiterhin am Meeresgrund — Sanierungsarbeiten wurden nie begonnen. Nord Stream 2 war ohnehin nie in Betrieb gegangen, Nord Stream 1 war kurz vor den Explosionen von Russland abgeschaltet worden.
Die Bundesanwaltschaft gab im Januar 2026 bekannt, die Ermittlungen fortzusetzen, ohne neue Details zu nennen. Rechtsexperten gehen davon aus, dass der Fall aus politischen Gründen möglicherweise nie vollständig aufgeklärt wird. Die Zerstörung der Pipelines markiert einen Wendepunkt in der europäischen Energiepolitik und zeigt die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur in Zeiten hybrider Konflikte.